Der Lebensretter – Eine Kurzgeschichte

Zu früher Stunde möchte ich euch doch noch kurz beglücken.

Kurz ist wahrlich das Stichwort, denn ich habe eine nette Kurzgeschichte gefunden, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Der Autor ist Valares und ist mit der Weitergabe dieser Kurzgeschichte einverstanden.

Ein Zitat hierzu:

Wichtig: Ihr dürft diese Geschichte weitererzählen, abwandeln, verschenken, vorlesen und so weiter, solange ihr dafür oder mit ihr in Zusammenhang kein Geld oder ein Tauschgut verlangt (Eintritt, …).

So, genug vorweg. Viel Spaß beim Lesen. Der Autor sowie auch meine Wenigkeit freuen sich über Kommentare und Feedback.

Der Lebensretter

Einmal, ich bin mir nicht mehr sicher, ob in der Vergangenheit oder der Zukunft, vielleicht auch gerade jetzt, gibt es zwei Personen in einem Land, dessen Namen ich vergessen habe. Wobei es keine zwei Personen sind, vielmehr eine Person und ein Lebewesen, dessen Zuordnung man sich nicht sicher sein kann. Ich denke, jeder sollte sich da seine eigene Meinung darüber bilden. Ein Geschöpf, dessen aussehen einem Vogel sehr nahe kommt, jedoch durch die beachtliche Grösse seines Körpers und seiner Flügel kaum als einen solchen zu bezeichnen ist.

Ebenso ist sein Gesicht schön ausgeprägt. Flacher, aufrechter Kopf, beinahe Menschlich. Anstatt eines Schnabels ziert ein breit lächelnder Mund die untere Gesichtshälfte. Eine Nase sucht man vergebens, finden sich jedoch einer Auto-Kühlerhaube gleichenden vernetztendes System, das offensichtlich der Funktion des Atmen’s ohne weiteres nachkommen kann. Die Nase füllt die an sonst leerstehende Stelle zwischen zurückgesetzten, freundlich dreinblickenden Augen und dem lächelnden Mund. Hinten hält ein blaugefärbter Schwanz, an dessen Spitze sich ein paar Federn befinden, die Balance während des Fliegens. Der ansonsten kahle und durch ein grelles violett hervorgehobener Körper hat eine enorme Kraft, welche man der Ernährung des Wesens, nämlich Meerwasser, garnicht zutrauen würde.

Er, so wollen wir ihn bezeichnen, ist treu seinem Besitzer Valase ergeben, der ihn wiederum herzhaft Drachi nennt.
So will ich euch die Geschichte der Beiden und somit von ihrem ersten zusammentreffen erzählen.

Es ist, wie schon gesagt, einmal. Auf was wir nun nicht weiter und tiefer eingehen wollen. Valase, normaler Bürger eines Landes, dessen Namen mir immernoch nicht in den Sinn gekommen ist, kocht gerade sein Nachtessen. Die Insel, auf der er lebt und die mitten im Mittelmeer liegt, hat nur sehr wenige Einwohner. Um genau zu sein: Einen einzigen, nämlich ihn. Es ist eine schöne Insel, bewaldet mit allen Arten von Bäumen und anderen Pflanzen. Zumindest noch. Gerade als er seine Gemüsesuppe von dem Herd heben möchte, teilt ihm ein lauter Knall mit, dass er soeben den Topf fallen gelassen hat. Jedoch hält er den Topf noch immer in der Hand und steht auch aufrecht. Seine Geistesgegenwart macht ihm klar, dass das Geräusch wohl von was anderem herrühren muss.

Er stellt den Topf auf den Tisch und wendet sich der Eingangstüre zu. Er stösst sie auf und späht nach draussen. Da es schon recht dunkel ist, sieht er so gut wie nichts. Valase tritt aus dem Haus. So langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit und offenbaren ihm, dass ein Teil des Waldes nun den Erdboden bedeckt. Verständnislos blickt er an den Strand, der sich hinter bis hinter das Haus erstreckt. Ein paar Schritte weiter sieht er etwas im Sande schimmern. Die violette Farbe des Rückenpanzers von dem dazumal noch unbenannten und ihm unbekannten Drachi spiegelt das helle Mondlicht wieder. Valase ist äusserst misstrauisch. Immerhin könnte es auch ein Satellit sein, sofern die bereits existieren. Ein Geräusch, das von dem Wesen im Sand ausgeht macht ihm klar, dass es sich hierbei vermutlich um ein Lebewesen handelt. Vorrausgesetzt das Satelliten, welche ja möglicherweise nicht existieren, keine Wimmergeräusche machen können.

Ein unvorsichtiger Schritt, welcher durch einen herannahenden Ohnmachtsanfall von Valase getätigt wird, lässt Drachi eine Zuckbewegung machen, die einem Fluchtversuch zugeschrieben werden könnte. Ein lautes jaulen macht den Beiden beteiligten klar, dass es für Drachi wohl unmöglich ist, sich fort zu bewegen. Ein diesesmal vorsichtiger ausgeführter Schritt bringt Valase näher an Drachi ran. Eine ihm nun sichtbare grosse und schwer verbrannte Fleischwunde über den Rücken und durch den linken Flügel lässt Valase nun einen Meteoritentreffer erahnen. Die Verbrennung verhindert ein Austreten von Blut, führt jedoch zugleich zu einer Lähmung von Drachi. Valase schaut dem nun ihn ängstlich anblickenden Drachi in die grossen und wunderschönen Augen. Ein furchteinflössender Anblick, den Valase zu ein paar Schritten nach hinten zwingt. In nun sicherer Entfernung begutachtet Valase das Wesen. Ein paar Minuten lange steht er so da, sich im unklaren, wie der das benennen sollte was vor ihm liegt.

Es ist nun mehr oder weniger Stille in der Luft, welches ab und zu durch ein winseln von Drachi oder dem rauschen des Meer’s am Ufer durchbrochen wird. Dennoch klingt alles so fern, fast nicht zu hören. Valase möchte sich erstmal hinsetzen, doch ihm wird wieder blitzschnell klar, dass vor ihm ein verwundetes Lebewesen liegt. Er muss ihm helfen, doch wie? Ist er gefährlich? Kann man ihm überhaupt helfen? Das schnelle Atmen von Drachi lässt ihn die steigende Flut bemerken. Valase dreht sich langsam und vorsichtig um und läuft, halb rennend halb springend, in sein Haus. Er holt eine Trage, oder vielmehr etwas, das man als solche verwenden kann. Er bringt den Tisch beinahe nicht durch die Türe, bis zu dem Zeitpunkt, als er auch noch den im stress vergessene zweite Flügel der Türe öffnet. Er schiebt den Tisch nahe an Drachi ran, während der letztere ihn wiederum gespannt beobachtet. Valase beisst sich auf die Zähne und versucht fieberhaft seine Angst zu verdrängen, während er sich Drachi schnell nähert um ihn auf den unterdessen umgedrehten Tisch zu heben.

Drachi, ein wenig Verstört durch diesen ihm unbekannten Ablauf, zappelt ein wenig, als Valase ihn hochhebt. Valase, der unter dem Gewicht beinahe zusammenbricht und selbst über seine offenbar aus dem nichts aufgetauchten Kräfte wundert, setzt Drachi vorsichtig und die Wunde schützend auf die Unterseite des Tisches. Drachi ist die Sache unterdessen so konfus, dass er sich überhaupt nicht mehr bewegt und nur noch abwartet. Valase schiebt den Tisch unter grösster Anstrengung ins Haus, in welchem er, nachdem er die Türe Zugeklinkt hat, vor Erschöpfung zusammen bricht und sich ganz knapp zu Bette schleppen kann.

Seine Nacht kann man mehr als skurril nennen. In Gedanken immernoch damit beschäftigt, dem Geschöpf auf seinem umgedrehten Tisch zu helfen, spielt ihm wohl sein Hirn einen Streich. Er liegt auf einer Wiese. Drachi, immernoch gleich schwer verwundet, neben ihm. Dabei ist Valase sich sicher, dass er eben noch in seinem Schlafzimmer war und Drachi auf dem umgedrehten Tisch liegt. Auf der Wiese, die endlos scheint, steht ein kleiner Baum. Der Baum überragt Valase kaum um einen Meter. Er ist aber voll ausgewachsen und trägt merkwürdige, eiförmige Früchte, dessen Farbe zwischen grün und rot liegt. Auf dem Baum sind etwa 50 Früchte. Manche grüner, manche roter.

Ein kleiner Mann, der etwa halb so gross wie der Baum ist, steht neben dem Bonsai. Valase weiss, dass er immernoch auf der gleichen Insel ist, auf der auch sein Haus steht. Und dennoch hat er diesen Mann noch nie gesehen. Der Mann blickt gelangweilt und stur Valase an, der den Blick nicht erwidert und sich Drachi zuwendet. Drachi, etwa gleich verwirrt wie Valase, blickt abwechslungsweise den grossen ihm unterdessen bekannten und kleinen bis jetzt unbekannten Mann an. Valase’s Blick ruht auf der grossen verbrannten Wunde, die bei dem Licht das die Wiese umgibt noch schlimmer aussieht, als vor kurzem, wo Drachi noch im dunklen Sand gelegen ist.

Ja, es ist Taghell. Valase schaut nun gegen den Himmel. Keine Sonne und trotzdem diese Helligkeit? Der kleine Mann, der unterdessen ungeduldig wird, ruft Valase bei seinem Namen. Dieser wiederum stolpert ab diesem unerwarteten Laut beinahe auf Drachi drauf, als er das Gleichgewicht durch eine schnelle Abwehrbewegung verliert. Der Unbekannte schüttelt den Kopf, lässt sich aber sonst nicht’s anmerken. „Nun Valase,“, beginnt der Mann, dessen langer Bart dabei den Boden wischt als er den Mund zu dem ersten vernünftigen Satz in dieser Geschichte bewegt, während Valase’s beinahe ungeteilte Aufmerksamkeit auf dem Mann ruht, welche nur durch den winselnden Drachi abgelenkt wird, „mein Name ist Otgal.“ spricht Otgal den Satz zu ende. Weiter schweigend wartet Valase auf den nächsten Satz. „Dieser Baum, der hier neben mir wächst, ist eine ganz spezielle Pflanze. Sie produziert Gift, welches sie in einer ihrer Früchte einlagert. Dieses Gift tötet schnell. Nun“, Otgal guckt ebenso gleichgültig wie missmutig drein, „musst du eine Frucht essen. Hast du Glück, so lebst du weiter und ich kümmere mich um deinen Freund hier.“ erklärt er Valase, während er auf Drachi zeigt. Valase, dessen Gedanken bei dem Wort „Freund“ hängen geblieben sind, nickt Wortlos.

„Erwischt du aber die falsche Frucht, so verlierst du dein Leben.“ stösst Otgal mit einem Atemzug aus. „Was passiert dann mit meinem Freund Drachi?“ antwortet Valase blitzschnell und ohne gross Nachzudenken, dass er dem Wesen soeben einen Namen gegeben hat. Drachi, der offenbar versteht, was gesprochen wird, läuft mit einem mal ein bisschen rosa an. Ob das nun daran liegt, dass dieser Mensch ihn eben als Freund bezeichnet und benennt hat, oder daran, dass er sich langsam eine Blutvergiftung zuzieht, kann man wohl nicht allzu genau sagen. „Dann“ stöhnt Otgal, dem das Gespräch offenbar am unteren Rückenteil vorbei geht, „werde ich mich ebenfalls um ihn kümmern und das Beste für ihn tun. Ich bring ihn schon wieder auf die Flügel. Aber solltest du keine Frucht aussuchen“, der drohende Unterton lässt sich unmöglich überhören, „so wird er sterben.“ spuckt er schon mehr als dass er spricht. „War ja klar!“ platzt es aus Valase raus, der offenbar der Meinung ist, dass diese Geschichte ohne ihn nicht weiter gehen kann. Er tritt mit grossen Sprüngen näher an den Baum heran. „Ich will dir einen Tipp geben.“ zwingt Otgal aus seiner Kehle. „Die Frucht, die du suchst, ist die, die du nehmen würdest.“ verschlüsselt Otgal den Satz „In der mit dem schönsten rot ist das Gift!“. Valase versucht das Rätsel zu lösen, während er den Baum umrundet.

„Die Frucht, die du suchst“ ist nicht die Frucht ohne, sondern mit Gift denkt er sich. „Welche würde ich nehmen?“ sinnt er weiter. Na klar, die Schönste, welche sonst? Valase pflückt die schönste Frucht und schaut Otgal an, dessen Gesicht starr wie eine Statue ohne jede Emotion in die Gegend starrt. Zum Pokern wär der wie geboren. Dennoch sagt Valase das kleine schwache aufblitzen der Angst in den Augen von Otgal, dass er wohl die richtige genommen hat. „Das hier ist die, die ich suche. Das ist die mit dem Gift.“ streckt er Otgal die Frucht hin. „Ich gehe mal davon aus, dass das kein Traum ist.“ meint Valase während er auf den grinsenden Drachi linst, der voller Vorfreude über die versprochene Rettung und das überleben von Valase Anzeichen von Freudensprüngen aufweist. „Sie sagten, Sie kennen sich mit dieser Spezies aus. Vermutlich besser als ich, der Drachi gerade erst kennen gelernt hat. Trotzdem war es ein schönes und spezielles Erlebnis, ihn zu treffen und zu helfen. Sorgen Sie gut für ihn.“ spricht Valase. Er zieht seine ausgestreckte Hand mit der Frucht von Otgal weg und legt sie sich auf die Brust. „Vielen Dank. Denn ich werde vermutlich nicht für ihn Sorgen können. Leben Sie wohl!“ schliesst Valase mit zittriger Stimme, stopft sich die Frucht am Stück ganz in den Mund und beisst zu.

Otgal fallen beinahe die Augen aus dem Kopf. In seinem Gesicht sieht man das blanke entsetzen gezeichnet. Weg ist die Ignoranz, die er vorher an den Tag gelegt hatte. Damit hatte er nicht gerechnet. Der Aufschrei von Drachi ist nicht zu überhören. Weniger ein Schmerzensschrei als eine Panikattake. Valase, der unterdessen die Frucht nach gutem kauen runtergeschluckt hat, steht immernoch aufrecht vor Otgal, welcher sich mit aller Macht zu fassen versucht. „Ich habe dir“, stottert der jetzt noch älter aussehende Otgal, „versprochen, dass ich das Beste für ihn tue. Jemand der sein Leben opfert, um ihm seines zu erhalten, ist vermutlich das Bestmögliche.

Und der Meinung ist offenbar auch mein Baum, denn sonst wärst Du schon längst tot. Es gibt nur ein Gegengift und das hast Du wohl gefunden.“ gibt Otgal von sich, diesesmal in einem ungewohnt freundlichen Ton. Er nimmt einen breiten aber kurzen Stab, welcher er bisher hinter seinem Bart versteckt hatte und ihm wohl als Stütze diente. Irgendwas passiert, das merkt Valase.

Valase steht jetzt vor seinem Bett. Er ist sich sicher, dass er nicht aufgestanden ist. Es ist noch immer dunkel und es sind seit seinem Hinlegen nur ein paar Minuten vergangen. „Dieser verrückte Traum hat mich wohl ganz konfus gemacht.“ denkt er laut und schiebt sich in richtung Küche. Selbst die Frucht, die nach Wassermelone schmeckte, kann er fühlen. Er sollte wohl am Abend besser nicht mehr sowas essen. Aber nein, er hatte doch Suppe zum Abendessen. Und die hatte er doch nicht gegessen. Oder doch? Also, Drachi, der Baum und dieser Mann waren ein Traum. Doch was hat er mit der Suppe gemacht? Als er die Küche betrat war alles Still. Der Topf stand genau an dem Ort, an den er ihn gestellt hatte. Auf dem Boden. Also kann er wieder ruhig schlafen gehen. Und da liegt ja auch die Anleitung. Moment! Anleitung? Valase versucht krampfhaft die Augen und Gedanken auf dieses Blatt Papier mit dem fett gedruckten Titel „Anleitung“ zu lenken. Was für eine Anleitung? Er nimmt das Blatt und läuft, nachdem er den Topf in die andere Hand genommen hat, in sein Wohnzimmer. Die Gedanken kreisen um diesen Titel, während er die Gemüsesuppe gedanklich irgendwie auch nicht ganz los wird. Da er nicht mehr weiss, wesshalb er diese durch die Gegend trägt, stellt er sie neben den umgedrehten Tisch im Wohnzimmer, von dem er sie in der Eile, die vor etwa einer Stunde herrschte, auf den Boden gesetzt hatte um den Tisch als Bahre zu benutzen.

Während Valase sich sehr müde in den Sessel sinken lässt und über die ansonsten leere Seite der Titelseite sinniert, das Blatt zusammen knüllt und es ins Feuer wirft mit der Gewissheit, dass keine Anleitung nötig ist, macht sich Drachi freudig schlabbernd über die Gemüsesuppe her. Beide ermattet aber dennoch Gesund, einer zwar nicht ganz beisammen und sich nicht wirklich bewusst, dass Drachi wirklich existiert, der Andere mit einer gänzlich und ohne Narbe verheilten Verletzung auf dem Rücken, beide mit leicht gefüllten Magen, beide sich in Sicherheit wissend, schlafen sie dennoch gleichzeitig ein.

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Ich bin Hauke. Blogger, Texter, Papa. Ich blogge hauptsächlich hier auf tagestexte.de. Zudem findet man mich auf Facebook, Twitter und Google+.